Süddeutsche Zeitung vom 25. Juli 2005, Tobias Timm ‘Noch mehr Schönheit für Alle’ (Auszug):


Die Messestände auf der Premium wirkten im Vergleich dazu schlicht, ja primitiv, dafür wurde hier die avantgardistischere,
elegantere und kostspieligere Mode gezeigt. So etwa ein wunderbar schlichter, dunkelblauer Anzug von Katherine Hamnett.
Früher protestierte Hamnett auf ihren T-Shirts gegen den sauren Regen, heute fordert sie: "Jail Tony". Auf der Premium zeigten
sich auch die interessanteren Jungdesigner aus Deutschland, wie Frank Leder, Haltbar Murkudis und das Berliner Label Pulver.
Für ihre Modenschau konnte sich Pulver immerhin eine große Suite im Hotel Ritz-Carlton leisten. Den mit Kristalllüstern und
totlackierten Neo-Empire-Möbeln ausstaffierte Raum hatten die vier Modedesignerinnen durch weiße Pappe in eine
kleine Theaterbühne verwandelt, auf der eine Künstlergruppe eine Version des Aschenputtel-Märchens aufführte.
Der Wunderbaum warf Aschenputtel Pulver-Kleider hinab,
so auch ein schönes, hellbraunes Seidenkleid, mit einem
zierlichen Blumenstraußmuster bedruckt.

Diese kleine Performance gefiel den japanischen Einkäufern, so wie den spanischen Vogue-Redakteuren und den aufgebrezelten
Modehauseinkäuferinnen aus der deutschen Provinz der Catwalk in der S-Bahn gefallen hatte: "That's so Berlin!" Auch dem Berliner
mit den langen Haaren vom Bahnsteig Friedrichstraße schien es zu gefallen, und er wollte in den Waggon zu den Piccolo-Champagner-
Flaschen und den Models in den goldenen Badeanzügen, doch junge Männer in den dreigestreiften Sportuniformen ließen Normalberliner
nicht hinein. Die Türen schlossen sich, und der Geisterzug entschwand gen Westen.





Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 25. Juli 2005, Alfons Kaiser und Anke Schipp ‘Aschenputtels Auftsieg’ (Auszug):


Es war einmal in Suite Nummer 839 des Hotels Ritz-Carlton. Elisabeth Schotte, Franziska Schreiber, Therese Pfeil und Franziska Piefke,
die seit zweieinhalb Jahren unter dem Namen "Pulver" in Mitte zusammenarbeiten, laden zur Märchenstunde. Sechs Gäste dürfen hinein und
unter Büffelhörnern sitzen. Bis zum Samstag abend werden zwölf Aufführungen gegeben. Aschenputtel, das modeaffine Mädchen, verwandelt
sich. Die Kleider sind aus mattem Seidenkrepp, aber mit vielen Details: schönen Biedermeier-Siebdrucken, Bändern mit Muschelkante, dicken
Flechtungen auf der Taille, die Struktur und Volumen geben. Dazu spielen die Künstler der Gruppe Szpilman das Märchen durch mit
beschriebenen Karten wie in dem Video von "Wir sind Helden". Und wie Judith Holofernes spiegeln die Pulver-Frauen das neue Berlin, das
noch an sich glaubt, das alles aus der Stadt gewinnt und dafür nicht nach Istanbul oder Schanghai gehen muß.Aschenputtels Aufstieg,
inszeniert in einer Suite mit Blick auf den Potsdamer Platz:
Das sind die Märchen, von denen die Modestadt Berlin träumt.